Seit dem Schuljahr 2002/03 wird an unserer Schule das Soziale Praktikum für die 11. Klassen erfolgreich durchgeführt.

Soziales Praktikum in Klasse 11

Angestoßen durch eine Fortbildung und einen Vortrag von Herrn Professor Kult zum sozialen Lernen wird das Soziale Praktikum an unserer Schule seit dem Schuljahr 2002/3 erfolgreich durchgeführt.

Ziel

Der pädagogische Kerngedanke ist die Überlegung, dass das Soziale Praktikum in Verbindung mit dem Fachunterricht langfristig zu veränderter Handlungsbereitschaft und tieferer Einsicht im Bereich des Sozialen führen kann.

Die Schüler sollen durch ihre Tätigkeit und eigene Erfahrungen angestoßen werden, über die verantwortliche Gestaltung menschlichen Zusammenlebens nachzudenken und zu reflektieren.

Gerade in Hinblick auf eine „verantwortliche Gesellschaft“ ist es wichtig, sich zu engagieren und Verantwortung für Menschen zu übernehmen, die aus verschiedenen Gründen auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen sind. Ziel ist es, langfristig sozialverpflichtende Haltungen wie Solidarität, Kooperation, Kommunikation und Engagement zu entwickeln. Zu diesem Zweck absolvieren die Schülerinnen und Schüler während des Schuljahres ein zweiwöchiges Praktikum in einer sozialen Einrichtung wie beispielsweise Seniorenheim, Krankenhaus, Behinderteneinrichtung oder Obdachlosenheim.

Durchführung

Das Soziale Praktikum erstreckt sich über einen Zeitraum von zwei Wochen. Um einen realistischen Einblick in den Alltag und die Arbeitsabläufe der jeweiligen Einrichtung zu bekommen, handelt es sich um ein ganztägiges Praktikum (6-8 Stunden täglich).

An unserer Schule gibt es inzwischen einen festen Stamm an Einrichtungen (siehe Liste), bei denen jedes Jahr über die Schule angefragt wird, ob die Einrichtung wieder Plätze für das Praktikum zur Verfügung stellt. Diese Plätze werden dann zentral über ein Wahlverfahren Ende November/Anfang Dezember vergeben. Zusätzlich zu den über die Schule angebotenen Plätzen können die Schüler sich selbständig weitere Einrichtungen suchen.

Während des Sozialen Praktikums werden die Schülerinnen und Schüler von den betreuenden Lehrern besucht, so dass ein Austausch und eine Reflexion des Erlebten gewährleistet ist und die Lehrer zudem einen Einblick in die zu bewältigenden Aufgaben bekommen.

Einbindung in den Unterricht

Fernab vom Schulalltag bietet das Soziale Praktikum die Möglichkeit, dass sich die Schüler eine für sie bisher häufig unbekannte Welt eigenständig erschließen und Ängste oder Vorurteile gegenüber älteren, kranken oder behinderten Menschen abbauen können.

Ziel ist es, eine Lebensrelevanz des schulischen Unterrichtes herzustellen und zu zeigen, dass Schule nicht ausschließlich zum „Wissen über die Welt“ sondern auch zum „Wissen über mich selbst“ beiträgt.

Das Soziale Praktikum soll in Zukunft mehr als bisher geschehen in den Unterricht eingebunden werden. Im Unterricht soll informierend und bewertend auf die Praktika vorbereitet und nachträglich nochmals reflektierend darauf eingegangen werden. Zudem ist angedacht, den zweiten Elternabend zu einem Themenelternabend über das Soziale Praktikum zu machen.

Schülerängste/Erwartungen

Bei einer Informationsstunde der einzelnen Klassen zu Beginn des 11. Schuljahres reagieren viele Schüler mit einer gewissen Skepsis und auch Ängsten und sogar Ablehnung auf diese Zeit in einer Sozialen Einrichtung. Durch die Erfahrungsberichte von Schülern des letzten Jahrgangs können einige Unsicherheiten bereits im Vorfeld aus dem Weg geräumt werden. Auch ist es für die Schüler wichtig zu wissen, dass sie bei ihrer Arbeit auch „nein“ sagen können, wenn sie mit einer Arbeit nicht klarkommen.

Dennoch hängt der Erfolg jedes einzelnen Schülers letztendlich vor allem davon ab, wie sehr er/sie sich auf die Arbeit einlässt und sich selbst in der Einrichtung einbringt. Zwei Wochen „nur“ mitzulaufen, ohne persönlichen Einsatz zu erbringen, stellt für die wenigsten eine bleibende Erfahrung dar. Hemmungen gegenüber nicht Bekanntem sind selbstverständlich. In diesem Praktikum geht es auch darum, diese Hemmungen abzubauen. Nicht alle Arbeiten müssen gleich am ersten Tag erledigt werden. Wichtig ist nur, sich auf manche Dinge einzulassen und eine Bereitschaft zu zeigen. Vieles ergibt sich dann von selbst.

Ergebnisse von Studien/wissenschaftliche Begleitung

Keine Einrichtung gleicht der anderen und so sind die gemachten Erfahrungen – natürlich auch aufgrund der eigenen Persönlichkeiten der Schüler - sehr unterschiedlich. Studien haben ergeben, dass die Erfahrungen während des Sozialen Praktikums insgesamt aber sehr positiv bewertet werden.

Oft stößt das Praktikum zunächst auf „wohlwollende Unentschiedenheit“, aus der am Ende des Schuljahres eine wohlwollende Zustimmung wird. 80 % der Schülerinnen und Schüler beurteilen das Soziale Praktikum in der Schule als eine „gute und wichtige Erfahrung“ und meinen, „das sollte jeder einmal machen“. 41% sagen, sie hätten in diesem Schuljahr „etwas Wichtiges geleistet“. Die Hälfte aller Befragten hatte das Gefühl „gebraucht zu werden“. Ein Viertel der Befragen fasst die Fortsetzung des Projektes ins Auge aber zwei Drittel haben „keine Zeit“ und wollen „Bezahlung“ oder „haben genug davon“.

Die Offenheit der Schülerinnen und Schüler vor Beginn des Sozialen Praktikums ist sehr unterschiedlich. Während die Schülerinnen eher eine berufliche Orientierung durch das Praktikum erwarten, fürchten die Schüler stärker, sich zu langweilen oder nichts für sich aus dem Praktikum herauszuziehen. Diese Position gleicht sich nach Abschluss des Sozialen Praktikums immer mehr an. Die Zahl der Schüler, die sich zu Beginn des Schuljahrs noch keine Form des Sozialen Engagement für sich vorstellen konnte – sei es freiwillig oder bezahlt – sinkt um rund 20%. Im gleichen Zeitraum steigt auch der Anspruch, dass sich Staat, Kirche und Gewerkschaften mehr für die Menschen engagieren müssen, um jeweils ca. 10%.

Schülerkommentare von Schülern unserer Schule (2005)

Immer wieder aufgeführte Befürchtungen im Vorfeld des Praktikums

  • „Das allgemeine Bangen, das fast jeder Schüler mit sich trug, Aufgaben nicht so erledigen zu können oder unangenehme Arbeiten durchführen zu müssen betraf mich ebenso.“   [...]
  • Langeweile, wenig Selbstbeteiligung im Arbeitsalltag
  • den Herausforderungen nicht gewachsen zu sein
  • sich selbst in manchen Situationen nicht überwinden können
  • Routine, jeder Tag gleicher Ablauf
  • nicht die Erwartungen der Pfleger zu erfüllen
  • gestresste, ungeduldige „Kollegen“ 

aufgeführte Erwartungen im Vorfeld des Praktikums

  • wirklichkeitsgetreuer Einblick in den Arbeitsalltag der PflegerInnen
  • Ängste überwinden
  • richtigen Umgang mit alten/kranken Menschen erlernen          
  • sich sozial engagieren zu können
  • neue Erfahrungen und interessante Begegnungen machen    
  • wichtige Erfahrungen für´s spätere Leben erhalten
  • einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten

Was habe ich Neues kennen gelernt bzw. über mich erfahren?

  • Ich hätte vorher nicht gedacht, dass mir das Schicksal eines kranken Menschen dermaßen zu schaffen machen könnte.
  • Ich habe Einblicke in viele Lebens- und Familienverhältnisse erhalten, gesehen in welchen Zuständen einige Menschen wohnen, was zum Teil schon etwas befremdend und schockierend für mich war

Was hat mir am besten gefallen/am meisten gebracht?

  • durch meine Eigeninitiative und Beteiligung am Waschen konnte ich meine Zurückhaltung und Distanz gegenüber alten bzw. kranken Menschen ein wenig überwinden

Was hat mich überrascht?

  • lockere Atmosphäre unter den Kolleginnen/Kollegen
  • Halsstarrigkeit und Sturheit mancher alter Menschen - ich habe einige interessante Menschen kennen gelernt

[...] „Ich wurde außerdem von allen Schwestern freundlich empfangen und durfte ihnen, die ersten zwei Tage, bei ihrer Arbeit zusehen. Ich wurde schon nach ein paar Tagen komplett in den Krankenhausalltag mit einbezogen. [...]            
Schülerin über die Erfahrungen in einer Klinik

[...] „So habe ich zum Beispiel Dinge gemacht und gesehen, zu denen ich mich nie in der Lage gesehen hätte. Anfangs hat es mich beispielsweise große Überwindung gekostet jemanden zu füttern, da man dabei einen äußerst intensiven Kontakt zu dem/der Bedürftigen herstellen muss. Gegen Ende des Praktikums war es für mich das Allereinfachste der Welt und ich habe mehrere Bewohner täglich gefüttert.“
Aus einem Bericht eines Schülers aus einem Seniorenwohnheim

„Ich bin inzwischen sehr froh mich für diese Einrichtung entschieden zu haben trotz der am Anfang des Berichtes beschrieben Befürchtungen. Erfahrungen habe ich auch in dem Zusammenhang erworben, dass ich jetzt eine ungefähre Vorstellung besitze wie die Zukunft von manchen Menschen aussehen kann, die in so einem Wohnheim leben. Ich empfand das Praktikum teilweise als persönliche Herausforderung, wobei es Spaß machte sie zu bewältigen. Es gab einem das Gefühl für die Menschen da zu sein und ihnen ein bisschen den Alltag zu verschönern. Viele der Fälle haben mir gezeigt wie es den Menschen im hohen Alter gehen kann.
Durch dieses Praktikum habe ich gelernt, wie wichtig es ist, dass es Einrichtungen und Menschen gibt, die diesen Menschen und Familien zur Seite stehen und ihnen die Möglichkeit geben sie zu entlasten. Es sind zwar keine Berufe die mich reizen selber einmal auszuüben, aber ich bin froh, dass sich einige finden, die daran Spaß haben und für die Gesellschaft auf diese Weise einen großen Beitrag leisten.“
Schüler über die Erfahrungen in einem Seniorenwohnheim

[...] „Weil am nächsten Tag gekocht werden sollte, war heute der Einkaufstag geplant. [...] Mit dem Bus, der speziell ausgerüstet ist für die beiden Rollstühle, die natürlich mitmussten, ging es hinunter ins Dorf. [...] Im Laden waren die beiden schon bekannt wie bunte Hunde. Es war grandios wie sie die Regale absuchten, um das Benötigte schließlich auch zu finden und im Einkaufswagen zu verstauen. An der Kasse biss [...] einen Sahnebecher kaputt, doch die freundliche Kassiererin erlaubte ihm einen neuen zu holen. Sie zählte außerdem [...] geduldig das Wechselgeld in die Hand, auch wenn er es erst einmal auf den Boden fallen ließ. Das war wirklich sehr nett von ihr, denn es standen weniger tolerante Einkäufer an ihrer Kasse Schlange.
Es ist interessant, wie unterschiedlich Menschen reagieren, wenn Behinderte auf diese Art am öffentlichen Leben teilnehmen. Die einen benehmen sich überfreundlich und sind übertrieben hilfsbereit, während andere genervt oder erschreckt reagieren. Es gibt auch wenige Leute, denen man die Erfahrung mit Behinderten anmerkt, weil sie sich ganz natürlich und entspannt mit [...] unterhalten konnten.“
Aus einem Bericht einer Schülerin aus einer Behinderteneinrichtung

„Vor dem Praktikum hatte ich einige Bedenken, da ich mir unter der Arbeit mit Behinderten nicht wirklich etwas vorstellen konnte. Ich befürchtete, dass die Behinderten abweisend reagieren würden und ich keinen richtigen Zugang zu ihnen finde. Unter dem Wort „Wohnheim" stellte ich mir ein steriles Gebäude mit Krankenhausatmosphäre vor, in dem das Leben für die Bewohner nicht sonderlich schön ist. Ich bin froh, dass sich keine meiner Befürchtungen bewahrheitet hat. Behinderte und Betreuer waren von Anfang an sehr nett zu mir und erklärten mir alles was ich wissen wollte. Mit der Zeit lernte ich, wie ich mit den Behinderten umzugehen und zu reden hatte, wenn ich eine richtige Antwort haben wollte. Auch das Haus war sehr viel schöner als ich mir es vorgestellt hatte. [...]
Nach den 10 Tagen Praktikum fand ich es schade, dass es schon vorbei ist und der Schulalltag wieder anfängt. Ich würde auch anderen Schülern ein Praktikum in einem der Wohnheime empfehlen, da man sehr viele neue Sachen von den Behinderten lernen kann und mir die Arbeit jeden Tag Spaß gemacht hat.“
Schüler über die Erfahrungen in einer Wohngemeinschaft von behinderten Menschen

„Als mein letzter Tag zu Ende ging, fand ich es sehr schade, da mir das Praktikum sehr viel Spaß gemacht hat, obwohl es sehr viel anstrengender als Schule ist.“
Schülerin über ihre Erfahrungen in einer Klinik

„Es herrschte eine sehr nette Atmosphäre und keine Hektik. Ich habe sehr viel über die Aufgaben und Tätigkeiten einer Krankenschwester erfahren. Überrascht war ich über die extreme Freundlichkeit, Dankbarkeit und Offenheit und Gesprächigkeit der Patienten. Das hätte ich nicht erwartet. [....] Ich habe sehr viele neue Eindrücke über den Beruf als Pflegekraft gewonnen, eigentlich nur positive. Als solche dauerhaft arbeiten wollte ich trotzdem nicht, da es bekanntlich einer der stressigsten und am schlechtesten bezahlten Berufe überhaupt ist. Trotzdem bewundere ich solche Leute sehr, die trotz der schlechten Arbeitsbedingungen von ihrer Arbeit überzeugt sind und denen es unheimliche Freude bereitet, hilfsbedürftigen, schwachen Menschen zu helfen.“
Schüler über die Erfahrungen in einer Rehabilitationseinrichtung

„Während meines Sozialen Praktikums habe ich viele traurige Schicksale gesehen, was sicherlich keine schöne Erfahrung und teilweise psychisch schon sehr anstrengend war.
Doch ich habe einen wirklichkeitsgetreuen Einblick in diesen Teil der Berufswelt erhalten. Ich persönlich finde es sehr wichtig, auch einmal andere Seiten des Lebens kennen zulernen und halte diese zwei Wochen daher für eine wirklich wertvolle Erfahrung. Ich konnte etwas für´s Leben lernen.“
Reflexion einer Schülerin

„Ein älterer Herr ist in Tränen ausgebrochen, als er uns ein wenig von seiner verstorbenen Frau und seinem ebenfalls verstorbenen Sohn erzählte. Da der Zeitplan sehr eng ist, haben die Pfleger nicht viel Spielraum zwischen den Terminen. Trotzdem haben wir uns dann so gut es ging Zeit für die Patienten genommen – manchmal muss eben nicht nur der Körper, sondern auch die Seele des Menschen gepflegt werden.“
Schülerin über die Erfahrungen im Bereich der mobilen Tagespflege

„Und so lebt diese Patientin jeden Tag – alleine – mit „Dosenfutter“ – im Mini-Zimmer – vor dem Fernseher – im Rollstuhl.
Und heute frage ich mich noch: Warum bekommt sie kein Essen auf Rädern? Und: Wo sind ihre Angehörigen?“
Bericht einer Schülerin aus der ambulanten Pflege

„Es kommt nicht darauf an, wie alt man wird, sondern wie man alt wird.“

„Ein Zusammenleben kann nur gewährt werden, wenn man die Persönlichkeit des Einzelnen respektiert und achtet. Wenn man nicht nur an sich denkt und zu seinem positiven Befinden handelt, sondern auch anderen Menschen hilft und ihnen Zuwendung, Vertrauen und Anerkennung schenkt.“
Reflexion einer Schülerin

„Gesehen zu haben, was Krankenpfleger zu leisten haben und imstande sind zu vollbringen, erhöht meine Anerkennung diesen Leuten aber auch den sozialen Institutionen gegenüber um ein Vielfaches.
Ebenso war es eine sehr große Erfahrung für mich zu sehen, wie kranke Menschen mit ihrer Situation umgehen und wie schwierig es für sie ist weiter am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. „
Bericht eines Schülers aus dem Pflegebereich

„In diesen zwei Wochen habe ich auch sehr viel Respekt vor den Pflegerinnen bekommen. Es ist ziemlich harte Arbeit, einen alten Menschen zu versorgen, zu waschen oder in den Rollstuhl zu setzten“
Schülerin aus einer Einrichtung des Pflegebereiches

„Ich muss sagen, dass ich von dem Praktikum profitiert habe. Ich habe Eindrücke bekommen, die ich sonst nie erlebt hätte. Außerdem ist mir bewusst geworden, wie wichtig es ist, dass alte und kranke Leute von professionellen Fachkräften gepflegt werden, da die Familienangehörigen oft nicht genug Zeit haben oder schlichtweg überfordert sind. [...] Es ist eine enorme Leistung; wenn man sich zum Beispiel um seine alte Großmutter kümmert, da dies auch eine enorme Verantwortung ist.“
Schüler über die Erfahrungen in einer Sozialstation

Katrin Evert