Ines Schaudel berichtet über ihren 6-monatigen Aufenthalt in Nicaragua

Vorbereitungen

„War`s schön?“ ist wohl momentan die Frage, die ich am häufigsten gestellt bekomme, seit ich nach meinem halben Jahr in Mittelamerika wieder in deutsche Gefilde zurückgekehrt bin und es ist wohl die schwierigste Frage, die man mir stellen kann:
Ja, Nicaragua ist sehr schön.
Nein, Nicaragua ist grausam.
Ohne Schwierigkeiten könnte ich beide Aussagen vertreten.
Erleichtert kann ich die meistens darauf folgende Frage dafür umso problemloser beantworten:
Ja, ich würde so eine „Reise“ sofort noch einmal machen, ich bereue nichts.

Als ich im August 2004 für ein halbes Jahr nach Nicaragua in ein recht ungewisses Abenteuer aufbrach, konnte ich das allerdings noch nicht wissen. Als Alternative zu einem Freiwilligendienst im Ausland mit einer Organisation wollte ich als ehemalige Schülerin des Gymnasiums bei den Hermanas Misioneras Franciscanas (Franziskanerinnen), die von unserem Gymnasium schon seit längerem finanziell unterstützt werden, mitarbeiten.

Unter so einer Arbeit konnte ich mir zu diesem Zeitpunkt noch recht wenig vorstellen, es war die Rede von Englisch unterrichten. Der Gedanke, mit meinen so kümmerlichen Spanischkenntnissen Englisch zu unterrichten, war mir allerdings eher suspekt, mein Spanisch beschränkte sich auf einen VHS-Kurs, den ich kurz vor meiner Abreise belegte.

Dank einer deutschen Studentin, die in meiner Vorbereitungszeit durch Nicaragua reiste, konnte ich mir allerdings schon ein Bild von den Lebensumständen machen: Kernseife würde ich mitbringen, um meine Kleider im Fluss waschen zu können und mich selbst mit einem Eimer kaltem Wasser, leichte, aber lange Kleidung zum Schutz gegen Moskitos und Machos, Kerzen, weil es in den Bergen und im Regenwald selbstverständlich keinen Strom gibt, die Bereitschaft völlig abgeschnitten und isoliert von der Außenwelt zu sein und vor allem viel Enthusiasmus und Neugier, Land und Leute wirklich kennen zu lernen.

Meinen ersten Monat in Nicaragua verbrachte ich in der Hauptstadt Managua mit der dort lebenden Musikerin Irmgard Koch. Hier gab es zwar noch Strom, fließend Wasser (zumindest den halben Tag), Dusche, Internetcafés und Telefone, doch nichtsdestotrotz unterschied sich Managua sehr von meinem Bild einer Großstadt, ich war schon hier mit einer sehr fremdartigen Kultur konfrontiert. Gemeinhin wird in diesem Zusammenhang von Kulturschock gesprochen und von extremen Stimmungsschwankungen, die er auslöse. Bis heute kann ich mit diesem Begriff nicht viel anfangen, obgleich ich schon früh die Extreme und Merkmale des Landes kennen lernte - die Armut.